Wie ist die militärische Lage in der Ukraine einzuschätzen?
4. März 2022
Am Morgen des 24. Februar 2022 begann Russland mit dem Überfall auf die Ukraine. Der Einmarsch erfolgte entlang von vier Achsen. Die erste Angriffsachse zielte auf die ukrainische Hauptstadt Kiew, die nur 125 km südlich der belarussischen Grenze liegt. Die zweite Achse hat die ostukrainische Metropole Charkiw im Visier. Die dritte Achse zielt auf die Eroberung des restlichen Donbass und die Eroberung der Hafenstadt Mariupol, um damit eine Landbrücke in Richtung Krim herzustellen. Die vierte Achse besteht aus Versuchen, von der Krim her den Süden der Ukraine zu erobern und das Land gänzlich von seinen Seeverbindungen abzuschneiden. Daneben gab und gibt es Luftangriffe gegen militärische und zivile Ziele in praktisch allen Teilen der Ukraine.
Der Angriff begann mit schweren Raketenangriffen auf mehrere Lagerhäuser mit Treibstoffvorräten für das ukrainische Militär in der Nord-, Ost- und Zentralukraine sowie auf Luftabwehrstellungen und Flugplätze. Dem Narrativ der russischen Propaganda folgend, wurden die Angriffe auf die Lagerhäuser als Angriffe auf NATO-Stützpunkte dargestellt, die es dort allerdings nie gab.
Wie aus der anliegenden Graphik des Institutes for the Study of War hervorgeht, sind die Erfolge oder Misserfolge je nach Front unterschiedlich zu bewerten.
Die Lage an den vier Frontabschnitten
Was den Kampf um Kiew betrifft, so findet dieser hierzulande in den Medien die meiste Aufmerksamkeit. Das russische Militär hatte anfangs gehofft, durch eine vorgeschobene Luftlandeoperation am 24. Februar den Flughafen Hostomel einzunehmen und von dort den Regierungssitz in Kiew zu erstürmen. Das ist kläglich am massiven Widerstand der ukrainischen Streitkräfte gescheitert. Am 25. Februar hatten russische Heeresverbände den Nordwesten von Kiew erreicht. Auch ein weiterer Versuch, diesen Flugplatz (offenkundig mit Hilfe tschetschenischer Einheiten) zu besetzen, ist gescheitert. Der Flughafen ist derzeit weitgehend zerstört und daher für beide Seiten militärisch bedeutungslos geworden. Östlich des Dnipro sind russische Verbände ebenfalls in Richtung Kiew vorgestoßen und haben am 1. März auch Vororte von Kiew erreicht. Sie versuchen den Anschluss an die von Osten gegen Kiew vorstoßenden Kräfte der 47. Panzerdivision zu finden, die relativ weit (ca. 250 bis 300 km) in ukrainisches Gebiet vorstoßen konnte.
Seit dem 1. März wird eine bis zu 60 Kilometer lange Kolonne aus gepanzerten Fahrzeugen, Artillerie und Lastwagen beobachtet, die sich von Belarus aus westlich des Dnipro in Richtung Kiew bewegt. Die Tatsache, dass Russland derart viel Gerät und Soldaten offen und massiert transportiert, schien darauf hinzudeuten, dass es großes Vertrauen in seine Boden-Luft Abwehr hat. Inzwischen weist vieles darauf hin, dass dieser Konvoi zum Stehen gekommen ist und doch erheblich unter ukrainischen Angriffen aus der Luft, durch Drohnen oder aus dem Hinterhalt gelitten hat. Experten sehen in der Bewegung den Versuch, die in den ersten Tagen offenkundig gewordenen logistischen Defizite der russischen Truppen wettzumachen. Der Konvoi werde aber auch Verstärkungen heranführen, damit Kiew im Süden umfasst werden kann. Ziel sei es offenbar, die Hauptstadt zu belagern, von Wasser, Strom und Lebensmittelzufuhr abzuschneiden und mittels einer Beschießung der Stadt die Bevölkerung zu zermürben und die Kapitulation zu erzwingen. Daher wird in den kommenden Tagen von den meisten Experten ein Vorstoß der russischen Truppen westlich und östlich von Kiew in Richtung Süden erwartet.
Allerdings lassen die Bewegungen der russischen Streitkräfte vor Kiew derzeit noch kein klares Profil erkennen. Das Institute for the Study of War kommentierte: „Das russische Militär hat seine erfolglosen Versuche fortgesetzt Kiew einzukesseln. Die Russen greifen weiterhin nur in Einzelaktionen an und setzen nur wenige taktische Bataillone ein, verzichten aber auf den Einsatz größerer Kräfte.“ Zu diesen Einzelaktionen gehören aber zunehmend Luftangriffe auf zivile Ziele sowie auf Infrastruktur. Auch der Angriff auf das größte Atomkraftwerk der Ukraine gehört dazu, der am 3. März erfolgte.
Generell – und das gilt nicht nur für die Front um Kiew – erleben wir derzeit den Übergang Russlands zu einer „schmutzigen“ Kriegsführung, welche keine Rücksicht mehr auf zivile Infrastruktur und die Bevölkerung nimmt und bereits aus Syrien oder dem Tschetschenienkrieg bekannt ist. Die russische Militärführung verfolgt derartige Einsatzverfahren und sah sich bislang nur geringfügigen Protesten aus dem Westen ausgesetzt. Das kann sich ändern, denn der Krieg in der Ukraine wird in einer Weise in der Öffentlichkeit wahrgenommen und miterlebt, wie es weder in Syrien noch in Tschetschenien der Fall war.
In der Folge könnten Rufe nach einer wie auch immer gearteten westlichen Intervention laut werden – etwa dann, wenn das Elend der Bevölkerung jeden Abend auf den Bildschirmen zu sehen ist. Zwar hat es am 3. März eine Übereinkunft zwischen der Ukraine und Russland über die Einrichtung „humanitärer Korridore“ gegeben, aber wie diese aussehen und wie sie umgesetzt werden, blieb offen. Die Zustimmung Russlands zu derartigen Korridoren dürfte eher taktischer Natur sein und soll den wahrheitswidrigen Eindruck erwecken, dass Russland eine humanitäre Kriegführung betreibt. Inzwischen steht die Zustimmung Russlands zu den humanitären Korridoren schon wieder in Frage.
Tatsächlich dürfte die russischen Militärplaner die Sorge umtreiben, dass der Westen doch im Falle einer humanitären Katastrophe eingreifen könnte. In der östlichen Slowakei findet derzeit eine NATO Übung unter Mitwirkung von amerikanischen Truppen statt (Saber Strike 2022). Diese Übung umfasst zwar nur 3.000 Soldaten, könnte aber aufwachsen und in die westliche Ukraine eintreten, wo sie vermutlich auf begeisterte Unterstützung der Bevölkerung treffen würde. Diese Truppe könnte, so die Sorge der russischen Planer, Teile der Ukraine zumindest symbolisch sichern und den angreifenden Truppen der Russen, die ohnehin schon mit enormen Schwierigkeiten kämpfen, ein zusätzliches und mit hohen Eskalationsrisiken versehenes Problem bereiten. Um diesem „Notfall“ vorzubeugen, hat der russische Präsident Putin wohl in einem von ihm angeregten Telefonat mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am 3. März überdeutlich klar gemacht, dass er die ganze Ukraine haben wolle. Es gibt aber keine Hinweise, dass die USA oder andere westliche Staaten derartige Ideen verfolgt haben oder in diese Richtung denken. Im Gegenteil: für die Biden-Administration hat die Verhinderung einer direkten militärischen Konfrontation mit Russland Priorität.
Sollten die russischen Truppen Fortschritte machen bei der Umschließung von Kiew, stellt sich für Präsident Selensky ernsthaft die Frage, ob er die Hauptstadt verlassen und die Regierungsgeschäfte von Lwiw aus führen soll. Er stellt die wichtigste, demokratisch legitimierte Führungskraft der Ukraine dar. Solange er lebt und aktiv ist, wird keine Marionettenregierung in der Ukraine Fuß fassen können. Aber selbst nach seinem Tod würde die Bevölkerung der Ukraine eine von Moskau eingesetzte Regierung ablehnen und vermutlich auch bekämpfen und sabotieren. Wie wichtig Russland aber die Ausschaltung Selenskis ist, ließ sich daran erkennen, dass mehrfach Anschläge auf sein Leben abgewendet werden konnten. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der letzte Anschlag durch tschetschenische Spezialkräfte anscheinend durch Informationen aus FSB-Kreisen vereitelt werden konnten. Dies deutet zumindest an, dass auch in russischen Sicherheitskreisen Putins Vorgehensweisen nicht überall befürwortet werden.
Aber noch ist Kiew nicht eingeschlossen und die ukrainischen Streitkräfte bemühen sich verzweifelt, die Umschließung ihrer Hauptstadt zu verhindern.
Die Front um Charkiw ist durch einen Vorstoß der russischen Truppen in einer Breite von 300 bis 400 km und einer Tiefe von etwa 100 km in ukrainisches Territorium gekennzeichnet. Aber es ist ihnen bislang nicht gelungen, die Millionenstadt einzunehmen. Die russischen Angriffstruppen sind dazu übergegangen, die Bevölkerung der Stadt und die dortigen Behörden und Verteidigungskräfte durch Artilleriebeschuss, Raketen- und Luftangriffe mürbe zu machen, um vielleicht in den nächsten Tagen einen erneuten Angriff auf das Stadtzentrum vorzunehmen. In Charkiw ist die Versorgungslage der Bevölkerung vermutlich kritischer als in Kiew. Es wird erwartet, dass ein russischer Angriff in den nächsten Tagen erfolgt.
An der südöstlichen Front (Donbass-Front) gibt es Geländegewinne der russischen Truppen und der Verbände der sogenannten „Volksrepubliken.“ Aber es ist ihnen nicht gelungen, die von ihnen beanspruchten Gebiete zu erobern. Dafür ist die Hafenstadt Mariupol eingeschlossen und das Institute for the Study of War geht davon aus, dass die Stadtverwaltung in den kommenden Tagen unter dem Eindruck des massiven Beschusses kapitulieren wird. Zwischen Mariupol und Donezk fanden auch heftige Kämpfe um die Stadt Wolnowacha statt. Um die Kapitulation zu erzwingen, wurde die Stadt schwer bombardiert, die Infrastruktur und die Logistik wurden zerstört. Zurzeit erlebt die Stadt eine humanitäre Katastrophe. Hier, wo das Interesse der Weltöffentlichkeit offensichtlich nicht so groß ist wie im Falle Kiews, wird von russischer Seite mit äußerster Brutalität gegen die ukrainische Bevölkerung vorgegangen.
Die südliche Front (Krim-Front) ist der Bereich, wo Russland die bislang größten Geländegewinne hat erzielen können. Seit 2014 hat Russland durch einen systematischen Aufbau von Truppen dafür gesorgt, dass eine Invasion erfolgreich ablaufen würde. Diese Erwartung hat sich wohl erfüllt. Mittlerweile ist die Großstadt Cherson von russischen Truppen eingenommen worden. Russische Truppen bewegen sich nunmehr in Richtung der Hafenstadt Mykolajiw, die in den kommenden Tagen eingenommen werden könnte. Am Abend des 4. März haben die russischen Streitkräfte einen aktiven Angriff auf den Militärflughafen Kulbakino bei Mykolajiw begonnen.
Das nächste Ziel wäre dann die Großstadt Odessa. Bislang ist es in Odessa ruhig geblieben, allerdings befinden sich vor dem Hafen Landungsschiffe der russischen Marine, die jederzeit einen Angriff starten können. Vermutlich wird damit solange gewartet, bis die Armeeverbände weiter in Richtung Westen vordringen. Odessa hat zudem einen Bürgermeister, der einer pro-russischen Partei angehört und es gibt in der Stadt große Klagen, wonach die Stadtverwaltung sich nicht ausreichend darum bemühe, die Verteidigung zu organisieren. Es wird vermutet, dass der Chef der Stadtverwaltung plant, den anrückenden russischen Truppen die Kapitulation anzubieten.
Die Gesamtlage
Insgesamt scheint es weiterhin nicht gut auszusehen für die Ukraine. Einerseits zeigen die russischen Verbände große Schwächen und die Ukrainer erweisen sich als intelligenter und weitaus motivierter. Andererseits – so die Furcht vieler Experten – dürften die Russen auf mittlerer Perspektive den längeren Atem haben und mit ihrer rücksichtslosen Kriegführung und dem höheren Einsatz von Material und Menschen obsiegen. „Die ukrainische Armee kämpft weiter,“ so ein Kommentar der Neuen Zürcher Zeitung, „sie kann aber kaum nachhaltige Gegenangriffe unternehmen. Die russische Armee verfolgt ihre operativen Ziele weiterhin in aller Konsequenz.“
Aber ist es wirklich vorbestimmt, dass die russischen Truppen diesen Krieg gewinnen werden? Eine Reihe von Beobachtern verweisen auf Schwächen der russischen Truppen, die erklären, warum sich die russischen Angriffspläne offenkundig nicht erfüllt haben und die doch nachhaltiger Natur zu sein scheinen:
- Die Kremlführung habe sich völlig verkalkuliert, was den Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und der Bevölkerung betrifft und habe ernsthaft geglaubt, dass der militärische Überfall von der Bevölkerung begrüßt werde.
- Es hätten sich erhebliche Probleme bei der Moral der russischen Soldaten gezeigt. So gibt es Berichte über Soldaten, die ihre gepanzerten Fahrzeuge demoliert haben oder den Befehl verweigerten. Diese Frage wird sich noch stärker stellen, wenn Soldaten – insbesondere Wehrpflichtige – aus Belarus in der Ukraine kämpfen sollen.
- Es gibt Hinweise, wonach die russischen Truppen mit unzureichenden Mitteln der taktischen Kommunikation operieren mussten, laut ukrainischen Berichten würden russische Soldaten miteinander über Walkie-Talkies kommunizieren.
- Offenkundig weisen die russischen Truppen erhebliche Probleme bei der Versorgung ihrer Truppen mit Lebensmitteln, Wasser, Munition und Treibstoff auf.
Das Institute for the Study of War spricht zudem von strategischen Fehlern der russischen Invasoren. Von der „Kunst der operativen Kriegführung,“ der sich russische Generäle stets rühmen, sei bei der Invasion nicht viel zu erkennen. Der Aufmarschplan lasse erhebliche Mängel erkennen. Es sei unerklärlich, wieso die russischen Kräfte nicht die Luftüberlegenheit errungen haben und warum es ihnen nicht möglich war, die ukrainische Luftwaffe auszuschalten. Das russische Militär bleibe weit hinter den in sie gesetzten Erwartungen zurück. Vermutlich reichen die Kräfte, die derzeit in der Ukraine im Einsatz sind, nicht für eine dauerhafte Besetzung der Ukraine aus und es müssten Verstärkungen aus anderen Teilen Russlands angefordert werden.
Michael Kofman vom Center for Naval Analyses sieht zudem, dass sich die logistischen Probleme der russischen Streitkräfte enorm verschärfen werden, wenn diese weitere Vorstöße unternehmen. Sie könnten geradezu stecken bleiben. Er geht davon aus, dass sich mit der Größe des eroberten Territoriums die logistischen Probleme vervielfachen werden.
Zudem stellt sich die Frage, inwieweit sich die Situation vor Ort ändern würde, wenn Städte kapituliert haben. Die Bevölkerung der Ukraine kämpft mit einer bewundernswerten Entschlossenheit um ihre Freiheit und gegen die Vereinnahmung in Putins Diktatur. Diese Intervention Russlands bei einem „Brudervolk“ läuft nicht so glatt ab wie 1968 der Einmarsch in die Tschechoslowakei. Eher werden Assoziationen an den „Winterkrieg“ von 1939 wach, wo die Sowjetunion Finnland angriff und sich das Land erbittert wehrte – mit der Folge, dass die Rote Armee enorme Verluste einstecken musste. Es kann also durchaus sein, dass sich in „eroberten“ ukrainischen Städten urban warfare einstellt, der große Mengen an russischen Truppen binden wird.
Auch sind die Folgewirkungen der westlichen Sanktionen ein Faktor, der bei der Frage einbezogen werden muss, wer den längeren Atem hat. Die durch die Sanktionen eingetretene Lage in Russland lässt es fraglich erscheinen, ob Russland wirklich einen sehr langen Atem haben wird. Zudem muss der Aspekt der unerwartet hohen Effizienz von Cyberattacken berücksichtigt werden, etwa von Anonymous und anderen pro-Ukrainischen Hackern. Diese haben anscheinend russische Kommunikationskanäle unbrauchbar gemacht und die Informationskriegführung des Kremls empfindlich gestört. Sie fügen auch der zivilen Infrastruktur Russlands erheblichen Schaden zu. All dies zermürbt die russische Fähigkeit, lange durchzuhalten, und hat auch bisher größere russische Cyberattacken auf westliche kritische Infrastrukturen erschwert. Die russischen Cyberkrieger sind mit der Abwehr dieser dezentralen Hacker-Angriffe anscheinend ausgelastet.
Verluste
Über die Höhe der Verluste auf beiden Seiten bestehen nur Vermutungen. Während die ukrainische Seite von mehr als 9.000 gefallenen russischen Soldaten ausgeht, schätzt die US-Regierung, dass auf beiden Seiten etwa 1.500 bis 2.000 Todesopfer zu beklagen sind. Die russische Angabe von etwas weniger als 500 gefallenen Soldaten erscheint niemandem glaubwürdig zu sein.
Die Gefahr einer internationalen, gar nuklearen Eskalation
In der westlichen internationalen Kommentierung wird immer wieder auf die Gefahr einer Eskalation in Richtung einer Konfrontation zwischen Russland und der NATO und damit auch zu einem Nuklearkrieg hingewiesen. Christopher S. Chivvis von der Carnegie Endowment schreibt, dass es nur zwei Formen der Beendigung dieses Krieges geben kann: entweder eine kontinuierliche Eskalation, möglicherweise bis zur nuklearen Schwelle, oder eine bittere Niederlage der Ukraine, die schwer für die USA und Europa zu schlucken sein wird. Diese Meinung wird nicht überall geteilt. Jean-Baptiste Jeangène Vilmer, der Leiter des Forschungsinstituts der französischen Streitkräfte, sieht durchaus die Möglichkeit, dass Putin angesichts der erheblichen Probleme seiner Streitkräfte und deren absehbaren Überdehnung einem Waffenstillstand und nachfolgenden Verhandlungen zustimmen könnte.
Noch ängstlicher äußert sich Aaron Stein in War on the rocks: Er sieht die Gefahr, dass Konvois mit westlichen Waffen von russischen Flugzeugen und dass militärische Einrichtungen auf polnischer, slowakischer oder rumänischer Seite Gegenstand russischer Luftangriffe werden können. Dies könnte zu einer Eskalation der militärischen Gewalt zwischen NATO und Russland führen und in den Dritten Weltkrieg einmünden. Die Frage ist nur: welche Eskalation soll es außer gegenseitigen begrenzten Anschlägen geben? Dies ist nicht mehr das Europa des Kalten Krieges, wo eineinhalb Millionen Soldaten auf beiden Seiten der Trennlinie standen und ein kleinerer Zwischenfall unter Umständen etwas Größeres hätte auslösen können (was auch damals im Übrigen relativ unwahrscheinlich war). Weder Russland noch die NATO haben die notwendigen Kräfte, um eine Eskalation konventioneller Art in Europa voranzutreiben, etwa im Sinne einer raumgreifenden Invasion.
Es ist auch ziemlich unwahrscheinlich, dass sich Russland entschließen könnte, in dieser Lage die baltischen Staaten anzugreifen. Angesichts der in der Ukraine erkennbar gewordenen Defizite und der Überdehnung der russischen Streitkräfte und angesichts der verstärkten Präsenz amerikanischer und anderer Kräfte in Polen und den baltischen Staaten wäre das derzeit keine realistische Option für Moskau.
Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Russland Kernwaffen einsetzen wird, um die Ukraine zu unterwerfen. Die Erhöhung der Alarmstufe, die Putin vor wenigen Tagen befahl, galt nur den strategischen Angriffskräften. Sie beinhaltet lediglich einen Zustand der erhöhten Aufmerksamkeit, was der „DEFCON-Stufe 4“ der USA entspricht, wobei in den USA die niedrigste Stufe „DEFCON 5“ darstellt, die höchste „DEFCON 1.“ Dass Russland die USA mit strategischen Kernwaffen angreifen wird, um in der Ukraine zu siegen, dürfte unwahrscheinlich sein, auch wenn man denjenigen folgt, die Putin als durchgeknallt bezeichnen. Dieser ist noch nicht zu einer Strategie des nuclear brinkmanship übergegangen, wenngleich die Erhöhung der Alarmstufe ein subtiler Schritt in diese Richtung war. Putin wird, selbst wenn er durchgeknallt ist, nicht alleine den mutmaßlichen „Roten Knopf“ drücken können. Es ist nicht viel bekannt über die Freigabeverfahren für den Einsatz strategischer Kernwaffen (noch weniger über die Verfahren bei nicht-strategischen Kernwaffen), aber die zentrale Rolle scheint dort der Chef des Generalstabs zu spielen – als Ermöglicher oder als Verhinderer eines Kernwaffenangriffs.
Auch macht der Einsatz von taktischen Kernwaffen in einem Land keinen Sinn, in dem eigene Truppen in großer Zahl stehen. Putins Erhöhung der Warnstufe hat aber im Westen erst einmal Selbstabschreckung ausgelöst.
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